Notizen zum weiblichen Priestertum im Altertum

Giorgio Otranto

Das Problem der Zulassung von Frauen zum Priestertum kann sicher neues Interesse in Zeiten wie diesen wecken, wenn wir die Rolle und Gegenwart von Frauen in der Familie, Arbeit und Gesellschaft überdenken und neu beurteilen. Als eine der am meisten diskutierten kirchlichen Fragen der letzten fünfzehn Jahre, hat dieses Problem starke Debatten unter Gelehrten mit unterschiedlichen Hintergründen und Überzeugungen ausgelöst, und ein lebhafter Kampf ist entbrannt.

Im Jahr 1976 wurde ein Kongress von der Heiligen Kongregation für die Glaubenslehre gehalten. In ihrer Erklärung Inter Insigniores [„Unter den wichtigeren Angelegenheiten“], wiederholte der Kongress noch einmal offiziell die offizielle Position der katholischen Kirche gegen die Zulassung von Frauen zum Priestertum und zum Episkopat.  [23] Nach dieser Erklärung wurde die Forschung verstärkt und der Kampf wurde noch aufgeheizter, aber die Positionen blieben im Grunde genommen unverändert. Ich würde lieber sagen, dass sich die Standpunkte kristallisiert und polarisiert haben.

In ihrer Suche nach Lösungen für Lehr- und Disziplinarprobleme haben sich Gelehrte wie üblich der antiken Welt mit verschiedenen Motiven und mit disparaten Ergebnissen zugewandt. Hier hat auch das Magisterium [die offizielle Lehre der Kirche] wieder einmal Gründe für seinen traditionellen Widerstand dagegen gefunden, Frauen Weihen zu erteilen: Christus berief keine Frau, eine der Zwölf zu sein. Die ganze Tradition der Kirche hat an diese Tatsache geglaubt und hat es als den expliziten Willen des Heilands interpretiert, dem Mann allein die priesterliche Macht zu beherrschen, zu lehren und zu heiligen zu übertragen. Nur der Mann kann durch seine natürliche Ähnlichkeit mit Christus sakramental die Rolle Christi selbst in der Eucharistie ausdrücken.

Andererseits zeigen jene mit entgegengesetzten Ansichten auch auf die alte Christenheit. Sie argumentieren stichhaltig, dass die offizielle Position der Kirche die Folge des Standpunktes einer völlig auf einer alten Kultur gegründeten Gesellschaft ist, und für moderne Gelehrte schwierig zu akzeptieren. Solch eine kulturelle Wahrnehmung reflektiert offensichtlich den minderen Status von Frauen in der griechischen und römischen Welt, besonders in dem Bereich, wo die Christenheit entstand.

Die Institution des weiblichen Diakonats aber ging nicht über die Grenzen des Orients hinaus [d.h. der Osten, inklusive Syrien, Palästina, das Grenzgebiet auf beiden Seiten des Euphrats, Mesopotamien, das römische Armenien und Cilicia-Isauria], und die Versuche, ihn im vierten und fünften Jahrhundert im Abendland einzuführen, waren praktisch erfolglos geblieben.  [25] Obwohl dieser Schluss ohne Zweifel korrekt ist, nimmt er einige Vorfälle und Phänomene, die Licht auf die Frage der Zulassung von Frauen zum Priestertum werfen, nicht ernst. Es ist ein Problem, das von den frühen christlichen Jahrhunderten an ziemlich akut geblieben ist.

Papst Gelasius sandte im Jahr 494 einen langen und interessanten Brief…“an alle Bischöfe in Lucania [die moderne Basilicata], Bruttium [das moderne Calabria] – Knöchel und Zehe von Italien – und in Sicilia [das moderne Sizilien] .“  [28] Vier der Verordnungen beschäftigten sich mit der Gegenwart von Frauen in den christlichen Gemeinschaften: 12 betrifft die Weihe von Jungfrauen; 13 und 21 betreffen das Verbot gegen die Verschleierung von Witwen; und 26, die für uns interessanteste Verordnung, tritt ausdrücklich dem Problem des Priestertums von Frauen gegenüber: Nihilominus impatienter audivimus, tantum divinarum rerum subisse despectum, ut feminae sacris altaribus ministrare firmentur, cunctaque non nisi virorum famulatui deputata sexum, cui non competunt, exhibere  [30]: „Dennoch haben wir zu unserem Ärger gehört, dass göttliche Angelegenheiten zu solch einem niedrigen Stand gekommen sind, dass Frauen ermutigt werden, an den heiligen Altären zu amtieren und an allen den Ämtern des männlichen Geschlechts zugeschriebenen Angelegenheiten teilzunehmen, zu welchem sie ja nicht gehören.“

Das heißt, Gelasius erklärt, dass er mit Verzweiflung erfahren hat, dass die Verachtung der Religion in der Kirche an solch einem Punkt angekommen war, dass Frauen zugelassen wurden, an heiligen Altären zu amtieren [sacris altaribus ministrare], ein Ausdruck, der zweifellos aufzeigt, dass auch ein liturgischer Dienst an den Altären mit eingeschlossen war. In solch einem Sinn entspricht der Ausdruck „amtieren“ [ministrare] dem griechischen leitourgein, das von den Anfangsgründen christlicher Literatur übernommen wurde, wie wir aus Zitaten in der Apostelgeschichte (13,2) und im Hebräerbrief (10,11) ersehen.  [31]

In Julianus Pomerius, einem mit Gelasius gleichzeitigen Autor, kehrt derselbe Ausdruck „an Altären amtieren“ wieder, um die Beteiligung an einem kultischen, priesterlichen Dienst auszudrücken.  [32] Derselbe Ausdruck oder auch das Substantiv „minister“ – „ministra“ wurde übernommen, um sich auf die liturgische Dienste von Diakonen und Diakonissen zu beziehen.

Festzustellen, ob sich der Ausdruck ut feminae sacris altaribiis ministrare firmentur auf die liturgische Dienstleistung von Diakonissen bezieht oder auf weibliche Priester, ist wahrscheinlich nebensächlich, da Gelasius sofort hinzufügt, dass er auch gewusst hat, dass Frauen all diese Funktionen durchführten, die als Dienst nur Männern und nicht dem weiblichen Geschlecht zugeteilt worden waren.

Wie ich es sehe, hat der ganze Ausdruck seine genaue Bedeutung nur im Licht bestimmter Überlegungen. Vor allem ist es klar, dass Gelasius an einer anderen Stelle desselben Briefes „kirchlichen Dienst“ als Synonym für „klerikalen Dienst“ nimmt.  [36] In dieser Hinsicht bedeutet virorum famulatui nicht den klerikalen Dienst des Diakonats, sondern den umfassenderen Dienst der Priester, wie aus cuncta hervorgeht, das alle Attribute der männlichen Dienste umfasst: liturgisch, richterlich und lehrhaft. Die von Frauen an den Altären ausgeübten Funktionen können sich deshalb nur auf die Verwaltung der Sakramente, den liturgischen Dienst und die öffentliche und offizielle Verkündigung der Evangeliumsbotschaft beziehen, was alles die Pflichten des dienstlichen Priestertums umfasst.

Gelasius bezieht sich auf die Frage des Priestertums von Frauen nur im Anfangsteil der Verordnung. Er beschränkt sich danach, streng die Schwere des Fehlers und die zerstörerischen Folgen aufzuzeigen, welche von diesem Missbrauch auf die Kirche zurückfallen können. Er tut dies alles, ohne auf die Frage jemals direkt einzugehen, das heißt, ohne die schriftlichen oder theologischen Gründe für die Zurückweisung der Frauen vom Priestertum genauer anzugeben. Er bezieht sich nur auf die regula cristiana, auf die regulae ecclesiasticae und auf die canones, welche einige Bischöfe entweder verletzt oder ignoriert hatten. Offensichtlich betrachtete der Papst den beharrlichen Rückruf zur Tradition als genug, um die Schwere des verurteilten Missbrauchs zu offenbaren.

Der beharrliche Verweis auf die schlimme Verantwortung der Bischöfe qui ista committunt [„welche diesen Irrtum begehen“] und qui haec ausi sunt exercere [„welche wagten, diese Taten auszuführen,“], hat wahrscheinlich die genaue Bedeutung, die Ausdehnung und Art des betreffenden Phänomens anzuzeigen. Die Verben committere und exercere setzen eine aktive und tatsächliche Beteiligung einiger Bischöfe an der Verübung von Missbrauch voraus; und diese Teilnahme kann nicht auf eine einfache Zustimmung oder Gleichgültigkeit dem Phänomen gegenüber beschränkt werden; es muss die Bischöfe unbedingt beim direkten Ausüben ihrer Macht involvieren. Es ist meine Überzeugung, dass Gelasius mit diesen Ausdrücken beabsichtigte, sich auf einen ausdrücklich von einigen Bischöfen Frauen verliehenen Auftrag wegen der Übung des priesterlichem Dienstes zu beziehen; da Bischöfe erwähnt sind, kann der Hinweis des Gelasius nur die priesterliche Ordination betreffen, die es einigen Frauen ermöglichte, das Sakrament des vollen Priestertums auszuüben. Es würde keine von einigen Frauen begangene einfache Missbräuche, sondern wesentlichere Initiativen betreffen, welche Bischöfe persönlich einschlossen. Eine Bestätigung solch einer Hypothese kann in den Wörtern angeben gesehen werden, dass diese Bischöfe große Zerstörung für die Kirche multimodis impulsionibus [„aus verschiedenen Motiven“] gebracht haben; das Schlimmste von diesen ist das Übertragen des Priestertums auf Frauen. Gelasius hält die Bischöfe dafür verantwortlich, wie wir aus seiner strengen Verdammung ihrer Taten ersehen können. Für andere ist seine Beschuldigung allgemeiner und wird auf die Mittäterschaft durch stillschweigende oder schuldhafte Zustimmung der Bischöfe zu einem Benehmen beschränkt, das gegen die Kanones war.

Die Kanones, auf die Gelasius sich wahrscheinlich bezog, waren 19 des Konzils von Nicaea  [38]; 11 und 44 des Konzils von Laodicea (2. Hälfte des vierten Jahrhunderts)  [39]; 2 des Konzils von Nimes (394 oder 396)  [40]; und 25 des ersten Konzils von Orange (441)  [41], die Frauen verbieten, am liturgischen Dienst auf irgendeine Weise teilzunehmen oder ein Mitglied des Klerus zu sein. Es ist unnötig, solche Kanones hier zu besprechen, da sie schon vom Van der Meer, Gryson und Galot behandelt worden sind  [42].

Wie verbreitet war nun dieses Phänomen, Frauen zum Priestertum zuzulassen? Wir sollten uns erinnern, dass Papst Gelasius diese Angelegenheit in einem Brief behandelt, der zahlreiche organisatorische, lehrhafte und Disziplinarfragen einschließt und an all die Bischöfe von Lucania, Bruttium und Sizilien gesandt wurde. Außerdem beabsichtigte Gelasius wahrscheinlich, Probleme anzusprechen, die nicht nur für die erwähnten Regionen speziell waren. Am Anfang des Briefes erwähnt Gelasius einen Bericht, den John, Bischof von Ravenna (477-494) ihm geschickt hatte, um die Wiederherstellung der Ordnung in Kirchen in verschiedenen Regionen von Italien zu erbitten, wo es Unordnung gab, verursacht von Hungersnot und vom Krieg zwischen Odoaker und Theoderich.  [43] Francesco Lanzoni hat vermutet, dass die Initiative des Bischofs John im Einklang mit dem Hof in Ravenna gewesen sein muss:  [44] das heißt, Theoderich, der mit der schwierigen Aufgabe politischer Wiederherstellung und den gegenseitigen Feindseligkeiten von Katholiken und Arianern, welche zusammen leben, konfrontiert ist, versuchte, den in solch einer Gesellschaft inhärenten Konfrontationen vorzubeugen.

Selbst wenn das Phänomen des weiblichen Priestertums in allen drei Regionen wie auch in anderen Teilen von Italien nicht so verbreitet war, ist es wahrscheinlich, dass die vom Papst verdammten Vorfälle keine isolierten Phänomene waren. Auf der einen Seite beweist der entschiedene Eingriff von Gelasius, der diverse Bischöfe einschließt, eher, dass die Situation sich soweit entwickelt hatte, um Rom ernsthaft zu beunruhigen. Andererseits, wenn es ein isolierter Fall gewesen wäre, wäre es für den Papst nicht klug gewesen, es in einem Brief zu behandeln, der nicht nur nach Lucania, Bruttium und Sizilien, sondern auch in andere Regionen gesandt werden sollte, die an den behandelten Fragen interessiert waren. Solche Briefe mussten in all den Gemeinschaften zirkulieren und bildeten für die Hierarchie eine Art Handbuch für den Umgang mit internen Problemen von disziplinären, lehrhaften oder organisatorischen Angelegenheiten. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass Gelasius denselben Brief an andere Kirchen gesandt hatte, die mit demselben Problemen beschäftigt waren.  [45]

In Summe können wir aus einer Analyse von Gelasius‘ Brief schließen, dass am Ende des fünften Jahrhunderts einige Frauen, die von Bischöfen ordiniert worden waren, ein wahres und richtiges Amts-Priestertum in einer gewaltigen Region von Süditalien wie auch vielleicht in anderen unbekannten Regionen von Italien ausübten.

Es ist auf dieser Stufe der Forschung schwierig, die Entstehung solch eines Phänomens genau zu lokalisieren. Wie ich schon betont habe, der Bereich in welchem Frauenpriester belegt sind,  [46] Süditalien, war kulturell mit griechischen und byzantinischen Bereichen verbunden, wo vom dritten Jahrhundert an Frauen den Diakonat ausübten. Am Ende des vierten Jahrhunderts wurden Frauen mit männlichen Geistlichen gleichgesetzt, zumal die Frauen wie die männlichen Geistlichen ihre Ordination durch Händeauflegung erhielten, entsprechend einem genauen Ritual mit genauen Verpflichtungen und juridischen Bedingungen.  [47] Außerdem müssen wir uns erinnern, dass im Orient in Kleinasien besonders in gnostischen und montanistischen Gemeinden, Belege für Frauen mit priesterlichen und bischöflichen Funktionen, welche die Kirche verdammt hatte, bis in das zweite Jahrhundert zurück gefunden wurden.

Fußnoten:
[23] Die Deklaration, von Paul VI am 15. Oktober 1976 unterschrieben, wurde am 27. Jänner 1977 veröffentlicht in: Osservatore Romano, AAS [Acta Apostolicae Sedis, Citta del Vaticano] 69, 1977, n.2 (98-116).
[25] Während Van der Meer nur oberflächlich das Problem der Diakonissen streift (119-122), analysieren Gryson (passim und 201-202) und Galot (passim und 24-46) dieses Thema ausführlicher. [Siehe n. 39 unten und die Eiführung des Übersetzers – der Übersetzer]
[28] Der Brief war mit dem 11. März datiert (Ep. 14, 28 [Thiel, 379]).
[30] Ep. 14, 26 (Thiel 376-77).
[31] Cf A. M. P. Ellebracht, Remarks on the vocabulary of the ancient orations in the Missale Romanum (Nijmegen-Utrecht, 1963), 104; A. Blaise, Le vocabulaire latin des principaux themes liturgiques (Turnhout, 1966), 502-3.
[32] Vita cont. 2,7,3 (PL 59, 452).
[36] Ep. 14, 14 (Thiel, 370).
[38] Siehe Text und Diskussion in: Gryson, 98-100.
[39] Siehe Diskussion unterhalb.
[40] In CCL 148, 150. Wegen der Datierung dieses Konzils, welche zwischen 394 und 396 schwankt, siehe CCL 148, 149.
[41] In CCL 148, 84.
[42] Van der Meer, 126-28; Gryson widmet ein Kapitel den griechischen kanonischen Quellen aus dem vierten/fünften Jahrhundert (90-147), und ein anderes den lateinischen Quellen derselben Periode (187-99); Galot, 80-83, über die Kanones 11 und 44 von Laodicea.
[43] Ep. 14, 1 (Thiel 362) [Der lateinische Text wurde hier ausgelassen – der Übersetzer]
[44] Le diocesi …. . 2: 754.
[45] Wegen dieser Beobachtungen vgl. G. Minasi, Le Chiese di Calabria dal quinto al duodecimo secolo (Naples, 1896), 79-80. Das Gelasianische Dekret über das Verbot des Frauenpriestertums wird in einem Dokument aus 829 erwähnt (cf. PL 97. 821-822; Van der Meer, Sacerdozio, 131).
[46] Gryson, 195; Galot, 87.
[47] Die Bibliographie dieses Argumentes ist riesig. Außer den Studien von Gryson (passim) und Galot (passim, esp. 24-46), vergleiche jene von Vagaggini, „L’ordinazione delle diaconesse nella tradizione greca e bizantina,“ Orientalia Christiana Periodica 4 (1974): 145-89, und G. Ferrari, „Le diaconesse nella tradizione orientale,“ Oriente cristiano 14 (1974): 28-50. Erst im Endstadium der Kurzfassung dieses Artikels konnte ich einen erst neulich dokumentierten Essay von A. G. Martimort, Les Diaconesses. Essai historique (Rome, 1982) einsehen, welcher versucht, die Präsenz und die Rolle der Diakonissen in der alten Kirche zu redefinieren. [Siehe n. 19. Martimort zitiert auch P. Delhaye, „Retrospective et prospective des ministeres feminins dans I’Eglise,“ in Revue theologique de Louvain 3 (1972): 55-75; also cf. Martimort, chap. 3, n.66-Trans.]

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