Die Schriften des Atto

Von Giorgio Otranto

Bestimmte Beweise für die Wirklichkeit von Frauenpriestern werden ferner von Atto, Bischof von Vercelli, der zwischen dem neunten und zehnten Jahrhundert lebte, und der wegen seiner reformerischen Aktivitäten und wegen seines Gelübdes gegen die Verdorbenheit des Klerus angesehen war, geliefert. Unter seinen Schriften sind ein kanonischer Traktat und eine Sammlung von Konzilsentscheidungen, welche kirchliche Organisation, das sakramentale Leben und die Liturgie betreffen.

Ein Priester mit dem Namen Ambrose kam zu Atto, um zu fragen, wie die Ausdrücke presbytera und diacona des alten Kanons verstanden werden sollten. Dessen Antwort lässt keinen Platz für Zweifel. Er beginnt damit, zu unterstreichen, dass, da in der alten Kirche „groß waren die Ernten und wenige der Arbeiter“ (Mt 9,37; Lk 10,2), auch Frauen die heiligen Weihen empfingen zur Hilfe für die Männer, wie in Röm 16,1 belegt ist: Commendo vobis Phaebem sororem meam, quae est in ministerio Ecclesiae, quae est Cenchris [„Ich empfehle euch meine Schwester Phoebe, die im Dienst der Kirche in Kenchrae ist“].

Für Atto war es das Konzil von Laodicea (zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts), das die priesterliche Ordination von Frauen verbot: Quod Laodicense postmodum prohibet concilium cap. 11, cum dicitur: quod non oportet eas quae dicuntur presbitidas vel praesidentes in Ecclesiis ordinari. [74] Viel ist über den Kanon 11 des Konzils von Laodicea geschrieben worden: „Es ist nicht erlaubt, dass jene, die presbitidas genannt werden, dazu bestimmt werden, den Vorsitz in der Kirche zu haben.“ [75].

Viel ist auch über die Bedeutung des Terminus presbitidas geschrieben worden, welcher unterschiedlich erklärt worden ist. Es wurde systematisch behauptet, dass es nicht wirklich und wahrhaftig presbyterae bedeuten kann. Aber dieses Argument reflektiert einen Standpunkt, welcher viele Gelehrte stark beeinflusst hat. Es genügt, Galot bezüglich dieses Punkts zu konsultieren: „Kanon XI des Konzils von Laodicea bringt die Kommentatoren in Verlegenheit . . . die Ungewissheiten betreffen die Bedeutung sowohl der Termini presbitidi und presidenti als auch der Verba stabilire oder ordinare.

Wenn man dem Titel des Kanons glauben sollte, „Es ist nicht erlaubt Frauenpriester in der Kirche zu ernennen“, könnte man presbitidi im Sinn von „Priesterinnen“ verstehen. Aber solch eine Definition scheint in der katholischen Kirche undenkbar, und es hat einen Versuch gegeben, diese presbitidi entweder als höhere Diakonissen oder als normale Diakonissen oder als ältere Frauen, die für das Beaufsichtigen der Frauen in der Kirche verantwortlich sind, zu identifizieren.“ [76]

Im Licht dessen, was ich oben angemerkt habe: Warum können wir die offensichtlichste Interpretation des Kanons 11 von Laodicea nicht akzeptieren? Warum erkennen wir nicht, wie Atto es tut, dass dieser Kanon die priesterliche Weihe von Frauen verbietet? Galot selbst gibt zu, dass er vom Verbot des weiblichen Priestertums handelt, obwohl er seine Bedeutung dadurch eingrenzt, dass er es auf die Polemik gegen die Montanisten bezieht. [77]

Aber lassen Sie uns zu Bischof Atto von Vercelli zurückkehren. Nachdem er den Status der Diakonissen erläutert hat, betont er, dass in der alten christlichen Kirche nicht nur Männer, sondern auch Frauen geweiht wurden (ordinabantur), und Anführer der Gemeinden waren (praeerant ecclesiis); sie wurden presbyterae genannt, und sie hatten die Pflicht zu predigen, zu weisen und zu lehren (Hae quae presbyterae dicebantur, praedicandi, iubendi, vel edocendi . . . officium sumpserant); [78] diese drei Pflichten definieren die Rolle des Sakraments der Priesterweihe.

Bewandert in der Kenntnis der Kanones und der kirchlichen Einrichtungen, erklärt Bischof Atto von Vercelli weiter, dass der Ausdruck presbytera in der alten Welt auch die Frau des presbyters bedeuten konnte. Von den zwei Bedeutungen erklärt Atto, dass er die erste oder „Priester“ bevorzugt. [79] Aber diese Bekräftigung muss im Kontext der Polemik gesehen werden, die Atto und andere mittelalterliche Autoren gegen die sogenannte Nicolaitische Ketzerei und zugunsten des priesterlichen Zölibats führten. [80]

Attos Erklärung ist eine bemerkenswerte und bedeutsame Aussage über weibliches Priestertum in Altertum. Sonderbarerweise hat nicht einer der mit der Frage beschäftigten Autoren es erwähnt, von Van der Meer, der sicherlich eine reiche Sammlung von alten und mittelalterlichen Quellen hatte, bis zu Galot und Gryson. Nur Martimort in seinem neuen Essay hat es beachtet und drückt seine Überraschung über Attos Erklärung des Ausdrucks presbytera aus. [81] In anderen Fällen wurde dieses Zeugnis absichtlich ignoriert, offensichtlich weil es nicht im Einklang mit dem war, was die einstimmige Tradition schien; eine solche Aussage hätte aber zumindest einen Zweifel provoziert haben können. Es scheint, dass durch die Jahrhunderte, durch Zufall oder aus Vorsicht oder aus Konformität, eine vorherbestimmte Interpretation des Mangels an Aussagen betreffend die Ausübung priesterlichen Dienstes durch Frauen da gewesen ist. Im Licht der Aussage von Atto müssen wir versuchen, andere Aussagen wiederherzustellen, die auf den ersten Blick nur als Splitter oder Fragmente der Geschichte erscheinen, damit wir in der Lage sind, ein so vollständiges Bild wie möglich zu rekonstruieren. Vielleicht wenn die Gelehrten leidenschaftsloser geworden sind, wird dieses Bild vollere dokumentarische Unterstützung für die Frage der Zulassung von Frauen zum Priestertum bereitstellen.

Fußnoten:
[74] Ep. 8 (PL 134 . 114). [der Lateinische Text wird hier übersetzt: „Da Ihre Weisheit bestimmt hat, dass wir entscheiden sollten, ob man ‚Priesterin‘ oder ‚Diakonisse‘ in den Kanones versteht, scheint es mir, dass seitdem in der frühen Kirche entsprechend dem heiligen Wort viele der Ernten und wenige der Arbeiter sind‘ für die Hilfe der Männer sogar religiöse Frauen zu Aufseherinnen in der heiligen Kirche ordiniert wurden. Dies ist etwas, das der hl. Paulus in seiner Epistel an die Römer darlegte, als er sagt, ‚ ich empfehle Euch meine Schwester Phoebe, die im Dienst der Kirche ist, welche in Kenchrae ist, ‚ Man versteht dieses, weil dann nicht nur Männer, sondern auch Frauen für die Kirchen verantwortlich waren, um wegen großer Effizienz sicher zu sein. Denn Frauen, lange gewöhnt an die Riten von Heiden, ebenso in philosophischen Lehren unterrichtet, bekehrten sich bereitwilliger aus diesen Gründen und wurden leichter gründlich in der Verehrung der Religion unterrichtet. Diese Praxis verbietet später c. 11 des Konzils von Laodicea, wenn es sagt, dass es für jene Frauen nicht erlaubt ist, die ‚Priester‘ genannt werden, oder ‚die den Vorsitz haben‘ dass sie in das Kirchen geweiht werden“ – der Übersetzer]
[75] In C. J. Hefele and H. Leclerque, Histoire des conciles d’apres les documents originaux, Vol. 1, pt. 2 (Paris, 1907), 1003. [ebenso vgl. Lampe, A Patristic Greek Lexicon, unter dem Stichwort prokathemai („preside“): C. Laod. Can. 11-Trans.]
[76] Galot, 80; cf, Gryson, 105-8; Martimort, 102-3.
[77] Galot, 82-83.
[78] Ep. 8 (PL 134 . 114. [der lateinische Text wird hier übersetzt: „Wir glauben, dass Diakone wirklich Ausübende von solchen Pflichten waren. Denn wir nennen einen Amtsträger einen Diakon, von dem wir annehmen, dass der Ausdruck „Diakonin“ oder „Diakonisse“ davon abgeleitet ist. Schließlich hören wir in c. 15 des Konzils von Chalzedon, dass eine Diakonin nicht vor ihrem vierzigsten Jahr ordiniert werden darf, und dies mit der größten Überlegung. Wir glauben auch Folgendes: dass das Amt zu taufen für Frauen bestimmt war, so dass die Körper von anderen Frauen von ihnen ohne jede tief gefühlte Scham behandelt werden könnten. Denn genauso, wie diese Frauen, die Priesterinnen (presbyterae) genannt wurden, die Pflicht angenommen hatten, zu predigen, zu dienen und zu unterrichten, auf dieselbe Weise hatten eindeutig die Diakoninnen die Pflicht angenommen zu dienen und zu taufen, eine Praxis, die heute überhaupt nicht in Übung ist, “ – der Übersetzer]
[79] Ep, 8, (PL 134 . 115). [der lateinische Text wird hier übersetzt: „Wir können auch als Priester und Diakoninnen jene Frauen betrachten, die vor ihrer Ordination ehelich mit Priestern und Diakonen verbunden waren. Aber bereitwilliger akzeptiere ich die Ausdrücke, wie sie entsprechend dem höheren Sinn erläutert worden sind, sehr geehrter Lehrer, bis ich es verdiene, eindeutiger von Dir informiert zu werden, “ – der Übersetzer] In der alten Kirche konnte der Ausdruck presbytera auch eine Witwe oder eine alte Frau bedeuten.
[80] Über diese Polemik siehe G. Fornasari, Celibato sacerdotale e ‚autocoscienza‘ ecclesiale. Per la storia della ‚Nicolaitica haeresis‘ nell’Occidente medievale (Trieste, 1981).
[81] Martimort, 209-10.

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