Misst Rom mit zweierlei Maß?

Die Weihe bereits verheirateter Männer („viri probati“) zum Priesterdienst.
Die Problematik der „viri probati“

Wenn auch die Kirchenleitung weiterhin am Pflichtzölibat festhält, so gibt es innerkirchlich bis in den Vatikan hinein doch Diskussionen über die Lebensform der Priester.

 

Sowohl Papst Johannes XXIII. als auch Paul VI. wussten um die Problematik des Pflichtzölibats, aber sie wollten oder konnten das Problem nicht lösen. Auch heute denkt man im Vatikan nicht an eine völlige Freigabe des Pflichtzölibats und an das Recht der Priester zu heiraten. Wohl aber gibt es Diskussionen zum Thema der sogenannten „Viri probati“, also der Weihe bereits verheirateter bewährter Männer zu Priestern, ähnlich dem Modell der Ostkirchen. Der Unterschied ist der, dass es den Priestern auch weiterhin verboten ist zu heiraten, wohl aber könnte es möglich sein, dass Weihekandidaten vor der Weihe heiraten und dann zu Priestern geweiht werden.

Trotzdem haben wir auch jetzt schon in der katholischen Kirche tausende kirchlich verheiratete Priester, die nach den Gesetzen der römisch-katholischen Kirche auch ihr Priesteramt ausüben dürfen. Wenn etwa Priester der anglikanischen Kirche, die verheiratet sind, in die römisch-katholische Kirche übertreten, dürfen sie auch weiterhin verheiratet bleiben und ihr Priesteramt in der römischen Kirche ausüben. Römisch katholischen Priestern aber ist es weiterhin verboten. Das Gleiche gilt auch für die Priester der Ostkirchen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist die griechisch-katholische Kirche, eine Kirche des östlichen Ritus, die aber mit Rom uniert und daher katholisch ist. So musste die griechisch-katholische Kirche alle Erneuerungen, die es nach dem Jahr 1054, also  bis zur Union mit Rom, in der römisch-katholischen Kirche gab, nicht mitmachen, und dass sie auch weiterhin verheirateten Männern die Priesterweihe erteilen, wie dies bis zu ihrer Trennung von Rom auch in der römischen Kirche der Fall war. Ein Pflichtzölibat besteht nicht.

In der Ostkirche wurde der Zwangszölibat nie eingeführt. Der Regel nach gab es im Prinzip zwei Arten von Klerus: verheiratete Priester und Priester-Mönche. Unverheiratete Weltpriester ohne Zugehörigkeit zu einem Orden gab es früher nicht. Aber nur unverheiratete Priester (oder Witwer) konnten jedoch Bischöfe werden. Sie mussten nach der Ernennung aber vorerst die jeweiligen Gelübde in einem Kloster ablegen. Die verheirateten Priester sind meistens in den Landpfarren stationiert, die unverheirateten Priester finden im speziellen Dienst der Kirche (Priesterseminar, Akademie, Kurie oder Synode) Verwendung.

Es gab Zeiten, wo es zu wenige unverheiratete Priester gab, z. B. um das Jahr 1900. Man hatte damals den jungen Priesteramtskandidaten in Aussicht gestellt, dass, wenn sie unverheiratet blieben, ihnen das Studium bezahlt werden würde. Die eher reicheren Söhne der Priesterfamilien gingen aber auf dieses Angebot nicht ein und so entstand eine „Priesterdynastie“. Unverheiratete Priester und Bischöfe waren eher Bauernsöhne oder Söhne aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung, die sich das Studium nicht selbst bezahlen konnten. Nicht selten kam es zwischen dem verheirateten und dem unverheirateten Klerus zu Spannungen.

Heute gibt es in der Ukraine sowohl in den Klöstern als auch in den weltlichen Priesterseminaren einen großen Zulauf von Priesteramtskandidaten, denn Priester sein bedeutet einen enormen sozialen Aufstieg. Aber viele von ihnen können nicht geweiht werden, weil entweder kein Platz im Kloster mehr ist oder weil keine Kaplanstelle mehr frei ist. Der Bevölkerung in der Ukraine sind die verheirateten Pfarrer eine Selbstverständlichkeit und sie akzeptieren ungern einen unverheirateten Pfarrer, da sich oft verschiedene Probleme mit ihnen ergaben.

In Österreich selbst gibt es derzeit fünf verheiratete Priester des östlichen Ritus, die auch in römisch katholischen Pfarren arbeiten. So ist der Pfarrer von St. Barbara, der Seelsorger von Salzburg, der Seelsorger für die Rumänen in Wien, der Kaplan von St. Barbara und einige Priester, welche in Wien arbeiten oder studieren und auch in der Seelsorge tätig sind, verheiratet. Der Pfarrer von St. Barbara ist zugleich auch Pfarre der römisch katholischen Pfarre in Theresienfeld.

Sie besitzen das Privileg der „Biritualität“, nämlich in beiden Riten, dem orthodoxen und römischen Ritus, die hl. Messe feiern zu dürfen, ein Privileg, welches man nur in Rom bekommt. Sie sind sowohl in der griechisch-katholischen Kirche als auch in einer r. k. Pfarre als Kapläne oder Pfarrer tätig. Die r. k. Pfarren haben diese verheirateten Seelsorger akzeptiert, weil sie sehr gute Seelsorger sind.

Trotzdem arbeitet Rom auch heute gegen diese verheiraten Priester. Anfang März 1998 hatte z. B. Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano in einem Schreiben an den Apostolischen Nuntius in Polen, Erzbischof Joszef Kowalczyk, darauf hingewiesen, dass die Arbeit dieser verheirateten Geistlichen „ernste Probleme“ schaffe. [1] In jedem Fall müssten, so meinte er, auch die Priester des byzantinischen Ritus in Polen „zölibatär leben“. Bei den Geistlichen handelte es sich um Mitglieder der mit Rom unierten ukrainisch-katholischen Kirche.

Der Sprecher der ukrainisch-katholischen Bischofskonferenz, Bischof Lubomyr Husar, hatte damals das vatikanische Schreiben als „sehr seltsam“ bezeichnet. Der ukrainisch-katholischen Kirche sei – wie allen unierten Kirchen – immer die Weihe verheirateter Männer zugestanden worden. Diese Priester würden nicht nur in Polen, sondern auch in den USA und Kanada für die unierte Kirche arbeiten. Die römisch-katholischen Bischöfe in den USA und Kanada hätten bislang keine Kritik geäußert, so Bischof Husar, der im Auftrag von Kardinal Myroslaw Iwan Lubatschiwskyi die ukrainisch-katholische Großeparchie Lemberg leitet. [2]

Die Problematik der „viri probati“

Viri probati sind „erprobte, bereits verheiratete Männer“, die dann zu Priestern geweiht werden. Wer bereits Priester ist, darf aber nicht mehr heiraten.

  1. Was spricht nun für das Modell der „viri probati“?
    a) Das einzige, das dafür spricht ist, dass dieses Modell kirchenpolitisch leichter durchsetzbar ist.
    b) Dass es dem Modell der Ostkirchen angeglichen wäre, welches viel älter ist als das Modell der Westkirche mit dem Pflichtzölibat für alle Priester.
  2. Gegen dieses Modell sprechen massive Gründe:
    a) Es gibt keinen vernünftigen Grund, Priester nicht mehr heiraten zu lassen.
    b) Nur bereits verheiratete Männer (also die „viri probati“) zu Priestern zu weihen, ist genau so eine Ideologie wie sie auch der Pflichtzölibat ist, eine Ideologie, die weder mit der Heiligen Schrift, noch mit den allgemeinen Menschenrechten in Einklang zu bringen ist.
    c) Ungelöst wäre auch das Problem des „Rechtes“ der Priester auf Ehe, wie sie Paulus im 1 Kor 9, 5 verteidigt. [3]
    d) Auch 1 Tim 3, 2 – 7 lässt sich nicht auf die „viri probati“ beziehen, wie manche meinen. Paulus spricht nur davon, dass der Bischof nur „einer Frau Mann“ (mias gynaikas andra) sein darf, und nicht, dass er vor der Weihe schon verheiratet sein muss. Die Übersetzung, einer frau Mann, ist unscharf. Die Mahnung des Paulus richtet sich dabei auf die Praxis der damaligen Zeit, sich bei Nichtgefallen der Frau wieder scheiden zu lassen [4], oder an die Praxis in der Heidenwelt, auch mehrere Frauen haben zu können. Keinesfalls aber heißt es, dass der Mann schon vor der Weihe verheiratet sein muss. Weiters: Schon in neutestamentlicher Zeit wird das Zahlwort eins (eis = heis) auch als unbestimmter Artikel verwendet und dann heißt das Kriterium der „Einehe“ zunächst einmal nur, dass die Ehe bei allen Amtsträgern und Amtsträgerinnen als selbstverständlich vorausgesetzt wird. [5]
    e) Das Modell der „viri probati“ löst weder die theologischen noch die menschlichen Probleme. Auch dieses Gesetz wäre ein Zwangsgesetz gegen die Freiheit der Priester, auch nach der Weihe eine Ehe einzugehen. Die Frage des Charismas und der besonderen Berufung, dass Gott Menschen sowohl zur Ehe, als auch zum Priesterdienst beruft, bleibt  ungelöst.
    f) Auch das Problem der Entwicklung eines Menschen bliebe ungelöst. Gerade in der heutigen Zeit ist es oft so, dass die Reife zur Ehe erst später erreicht wird, als die Berufsausbildung. Oft ist es so, dass einem Priester erst nach der Weihe die richtige Frau begegnet.
    g) Das Modell der „viri probati“ schafft eine Zweiklassenpriesterschaft, nämlich die verheirateten Priester, die nur für die niedrigeren Dienste zugelassen werden, wie wir das in der Ostkirche sehen, und die unverheirateten Priester, die für die höheren Dienste vorgesehen sind. Das kann aber nicht dem Willen Gottes entsprechen. Zölibatäre Priester sind per se nicht besser oder geeigneter als verheiratete Priester.
    h) Dazu kommt ein weiteres Problem. Priesteramtskandidaten, die heiraten wollen, sind gezwungen, sich noch schnell vor der Weihe eine Frau zu suchen, denn nach der Weihe ist eine Ehe nicht mehr möglich. Wo aber so schnell die Frau finden, die zu ihm passt, bzw. dass die beiden Menschen zueinander passen? Die Liebe lässt sich nicht  erzwingen.
    i) Zur Situation in den unierten Kirchen: Auch dort gibt es solche, die ohne das Charisma der Ehelosigkeit die zölibatäre Lebensform, aus welchen Gründen auch immer, wählen. Diese haben dann die gleichen Probleme wie wir sie in der römischen Kirche mit dem Pflichtzölibat haben

Die einzig gerechte Lösung ist die, dass auch die Priester das Recht auf Ehe haben, wie alle anderen Menschen auch. Das wäre der einzig richtige Schritt in die richtige Richtung.

Für eine völlige Freistellung der priesterlichen Lebensform sprechen auch noch andere Gründe.

a) Dürften alle Priester, auch Bischöfe, heiraten, dann wäre das ein klares Zeichen der Aussöhnung der Kirche mit der leib- und sexualfeindlichen Haltung, die aus der Vergangenheit kommt. Sexualität würde wirklich als Geschenk Gottes angesehen werden können. Bisher ist der Pflichtzölibat meist ein Zeichen der Minderwertigkeit der Sexualität und der Frau.

b) Das wäre auch – über die schönen Worte der Kirchenleitung und des 2. Vaticanums hinaus – ein deutliches Zeichen, dass man es mit der Einzigartigkeit und Sakramentalität der Ehe wirklich ernst meint. Denn es kann ja nicht sein, dass ein Sakrament (das Sakrament der Weihe) gegen ein anderes Sakrament (der Ehe) ausgespielt wird.

c) Es wäre auch über die schönen Worte der Kirchenleitung hinaus ein deutliches Zeichen, dass die Frau nicht mehr als diejenige gesehen wird, die den Mann in die „Niederungen der Sexualität“ hinabzieht und ihn damit unwürdig für den Priesterdienst macht.
[1] Weil diese Priester verheiratet sind. Rom hat Angst vor verheirateten Priestern, und sehen durch die verheirateten Priester die rein männlich dominierte Kirche „gefährdet“.
[2] KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 193 vom 22. 8. 1998, Seite 8.
[3] Siehe Kapitel: „Die biblischen Grundlagen des Zölibats“ Seite   , und „Die verhängnisvolle Rolle der alten griechischen Philosophie und der Gnosis auf die Zölibatsgesetzgebung
[4] Siehe Mt 19,2.
[5] Peter Trummer, „…dass alle eins sind!“: neue Zugänge zu Eucharistie und Abendmahl, Patmosverlag Düsseldorf, 2001, Seite 79.

6 Gedanken zu „Misst Rom mit zweierlei Maß?

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  2. josef meier, geschrieben am 15.11.2010, 10:17

    Aktueller Anlass: Verheirater Pfarrer von Kapelln (NÖ) 15.11.2010
    Bei meiner Reise durch die Mittel-Slowakei vor ca. 10 Jahren ist es mir aufgefallen, dass es einige neu erbaute griechisch-unierte Kirchen gibt.
    Nach langen Fragen habe ich herausbekommen, dass es nach der Wende 1990 etliche katholische Priester gegeben hat, die im Untergrund gearbeitet hatten und, um nicht aufzufallen, mit den Segen der Kirche heiraten durften.
    Nach der Wende wollte man sich ihrer entledigen und hat sie vor die Wahl gestellt, entweder seiner angetrauten Gattin (+ Kinder) zu entsagen oder aus den kirchlichen Diensten auszuscheiden. Viele haben einen dritten Weg gewählt und sind samt ihrer Gemeinde zur griechisch-unierten übergetreten. Da sie das katholische Gotteshaus nicht mehr benutzen durften, wurden mit Hilfe der Kirchengemeinde eine neue Kirche gebaut.

    Vieleicht wäre das auch ein Weg für manche österreichische Gemeinde, damit der Nachdenkprozess bezüglich Pflichtzölibat und Stellung der Frau in der katholischen Kirche beschleunigt wird.

    Herzliche Grüße aus der Wachau

    Josef

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    • hans, geschrieben am 16.11.2010, 08:58

      Ich kenne diese Problematik. Für mich wäre das kein Weg, sozusagen durch die Hintertür mein Priesteramt auszuüben. Ich tue das sowieso, dort wo ich darum gebeten werde. Das ist auch nach Can 1335 des CIC auch heute möglich. Was ich möchte ist, ein ungerechtes Gesetz, das weder der Heiliigen Schrift, noch den Menschenrechten und nicht dem Naturgesetz entspricht, ändern.

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  3. maria, geschrieben am 28.08.2003, 22:29

    Anmerkung zu d. “ nur einer Frau Mann“ hier wird die Übersetzung als unscharf bezeichnet.
    Für meine Begriffe richtet sich diese Formulierung eindeutig gegen die Vielweiberei, die in der Antike ohnehin üblich war, zum Teil auch verdeckt durch Konkubinat mit Sklavinnen. In unserem Sprachraum existierten im Mittelalter drei verschiedene Eheformen, die vom Mann gleichzeitig gehandhabt werden konnten. Bei den Juden, die in unserem Sprachraum lebten, wurde die Vielweiberei als Folge des Laterankonzils von 1139 verboten. Die Muslime dürfen noch heute – auch in Europa – mehrere Frauen haben, davon können sie allerdings in Deutschland nur eine standesamtlich heiraten. Für uns Europäer ist es unvorstellbar, und es wird in islamischen Ländern nicht groß diskutiert, aber Saddam Hussein hatte mit der größten Selbstverständlichkeit drei Frauen. Wie selbstverständlich die Vielweiberei zumindenst in höheren Gesellschaftsschichten gewesen sein muss, zeigt uns noch heute die Regenbogenpresse, die auch zu seinen Ehezeiten Camilla als Prinz Charles Geliebte zwar als gefundenes Fressen betrachtete, aber diese Beziehung nicht als amoralisch dargestellt hat.
    Ich denke wirklich, dieser Bibeltext sagt aus: einer – und nicht mehrerer – Frauen Mann.
    Liebe Grüße Maria

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    • Hans Chocholka, geschrieben am 30.08.2003, 14:27

      Liebe Frau Maria!
      Sie haben völlig recht. Diese Stelle bei 1 Tim 3,2 heißt im griechischen Urtext, dass der Episkopus/ Bischof/ Leiter „einer Frau Mann (mias gynaikos andra)“ sei. Die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift übersetzt unklar: „nur einmal verheiratet“. Wenn wir aber den geschichtlichen Hintergrund und die damalige Praxis betrachten, ist dieser Text tatsächlich gegen die Vielweiberei geschrieben.
      Liebe Grüße. Hans Chocholka

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