Entstehung des Zölibatsgesetzes

Woher kommt die Missachtung von Ehe und Geschlechtlichkeit in der Kirche und damit verbunden die Zölibatsgesetzgebung?

 

Nun, Sexualität spielt in allen Religionen eine markante Rolle. Religiöse wie sexuelle Erfahrungen werden oft mit denselben Begriffen beschrieben, mit „Leidenschaft“, „Ekstase“, „Verzückung“, „Seligkeit“. Ob Sexualität als schöpferische Kraft, als geheimnisvolles Mittel der Fortpflanzung oder gar als dämonische Energie verstanden wird, hängt von anderen Dingen ab.

Sexualität als positive Kraft

Im Altertum glaubten viele Völker, dass Himmel und Erde durch einen Sexualakt geschaffen wurde. In  Europa, aber auch in anderen Ländern, paarten sich junge Paare im Frühling auf Feld und Acker, um die Kraft der Fruchtbarkeit hervorzurufen. Doch während früher religiöse und sexuelle Erlebnisse verschmelzen konnten, ist heute der transzendente Aspekt weithin völlig verloren gegangen.

Auch die Sexualität der Frau und ihre sexuelle Lust wurde positiv gewertet. Man sagte, die Mitte der Frau ist die Klitoris. Das Wort Klitoris kommt vom griechischen Wort kleitos oder kleinos und heißt „berühmt, gepriesen“, was große Hochachtung ausdrückt, obwohl und vielleicht gerade deswegen die Klitoris nicht unmittelbar der Fortpflanzung dient, sondern dem Lustempfinden.

Auch der männliche Geschlechtsteil galt vor allem im erregten Zustand als Garant von Kraft, Energie und Fruchtbarkeit. Der erigierte Penis – oft im Verhältnis zum Körper übertrieben vergrößert dargestellt – zierte Götterstatuen und Götterbilder.

Sexualfeindlichkeit

Die Sexualfeindlichkeit kommt erst viel später. sie ist im Grunde genommen zunächst nicht einmal ein kirchliches, sondern ein europäisches Phänomen. Um das zu verstehen müssen wir weit in die Geschichte Griechenlands zurück gehen. Aber auch die Gnosis und die buddhistische Mission des 2. nachchristlichen Jahrhunderts sind damit verknüpft und haben ihre tiefen Spuren hinterlassen.

 

  • So glaubte man in Indien, dass Bhavari, die Göttin der Lüsternheit, zugleich Tod und Zerstörung bringe.
  • Im alten Babylon wurden den Göttern nach dem Geschlechtsakt Weihrauchopfer dargebracht, um die „frevlerische“ Handlung zu sühnen.
  • Die tibetanischen Gelbmützen, Lamas, die asketischen Eremiten Ägyptens, die jungfräulichen Priesterinnen Thebens, die Vestalischen Jungfrauen in Rom und die Tempelpriesterinnen der Azteken lebten sämtlich ehelos.
  • Die Männer vieler Völker waren davon überzeugt, dass der Sexualtrieb, der stark und überwältigend Einfluss nahm, nur ein Machwerk böser Geister sein konnte.

Die griechische Philosophie

Vor allem aber war es die griechische Philosophie, die prägend für ganz Europa wurde. Schon zwischen dem 8. und 6. vorchristlichen Jahrhundert entwickelte sich in Griechenland eine erste Erlösungslehre, die sogenannte:

  • Orphik, die der Philosoph Pythagoras (580 – 510 v. Chr.) schließlich in eine eigene Lehre fasste. Man ging davon aus, dass die Materie, als von bösen Geistern geschaffen, schlecht sei. Nur der Geist, von einem guten Geist geschaffen, sei gut. Der Kernsatz dieser Lehre gipfelte in dem Satz:
    „Es gibt ein gutes Prinzip, das das Licht, die Ordnung und den Mann geschaffen hat, und es gibt ein böses Prinzip, das die Finsternis, die Unordnung und die Frau erschaffen hat“.
    Erlösung geschähe durch Askese, vor allem müsse man sich von der Frau fernhalten. Durch die Frau würde der Mann unrein. Dieses Gedankengut verbreitete sich mit der Zeit in ganz Europa.
    Auch spätere Philosophen Griechenlands lehrten das Gleiche:
  • Platon (427 – 347 v. Chr.) und Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), übernahmen diese Lehre. Platon verurteilt die Frau als böse und bezeichnet den Leib als Gefängnis und bösen Nachbarn der Seele. Die Lust, vor allem die geschlechtliche Lust, sei vom Teufel.
    Wegen dieser Aussagen nannte ihn später der Kirchenlehrer Clemens von Alexandrien in bezeichnender Weise den „griechisch sprechenden Mose“.

Die Irrlehre der Gnosis

In der Zeit des jungen Christentums breiteten sich immer mehr gnostische Irrlehren in Europa aus. Folgende Merkmale der Gnosis sind zu nennen:

  1. Eine radikale Weltverneinung: So lehrt die Gnosis, dass die Materie schlecht sei, weil von einem bösen Geist geschaffen.
  2. Die „Erkenntnis“ (Gnosis heißt ja soviel wie „Wissen, Erkenntnis“): Die Gnosis lehrte, dass nur der geistbegabte, der von oben erleuchtete und von Finsternis und Materie befreite Mensch, erlöst werden könne.

Diese Lehren fanden Eingang in die theologischen Überlegungen der Kirchenväter:

  • Augustinus (354 – 430 n. Chr.) etwa war vor seiner Bekehrung zum Christentum Manichäer [1].  Der Manichäismus lehrt, dass die Erde und das Reich der grenzenlosen Finsternis vom Teufel geschaffen sei. Die Zeugung eines Menschen sei ein Teufelsakt, denn der Mensch selbst sei ein Lichtteilchen, das in einem von bösen Dämonen gezeugten Leib gefangen gehalten würde. Die geschlechtliche Lust sei erlaubt.
    Nachdem Augustinus sich zum Christentum bekehrt hatte, bekämpfte er den Manichäismus, indem er die Parameter umdrehte und erklärte: Gott habe zwar die Zeugung von Kindern gestattet, aber die geschlechtliche Lust sei Sünde. Ja, in der geschlechtlichen Lust lebe die Erbsünde weiter und bringe ewige Verdammnis.
    Sowohl von Augustinus und später von den mittelalterlichen Theologen wird die Gottebenbildlichkeit des Menschen nur da gesehen, „wo die Geschlechtsdifferenz nicht hineinragt“ (ubi sexus nullus est). [2]  „Nichts“, so schreibt Augustinus, „zieht den Geist des Mannes so machtvoll herunter wie das Streicheln einer Frau“. [3]
  • Papst Siricius (384 – 399) in einem Schreiben:
    „Wir kommen zu den hochheiligen Regeln der Kleriker. Wir haben erfahren, dass sie zur Schande der heiligen Religion in euren Gebieten mit Füßen getreten und durcheinander gebracht werden … Wir haben erfahren, dass sehr viele Priester und Leviten lange Zeit nach ihrer Weihe, teils mit Ehefrauen, teil mit schändlichem Verkehr Nachkommen gezeugt haben, und dass sie ihr „Verbrechen“ (crimen) verteidigen … Nun sage mir, wer dieser Verteidiger der Wollust ist. Darum ermahnt der Herr die, denen die heiligsten Dinge anvertraut sind: Seid heilig, weil ich heilig bin, euer Herr und Gott?… Er (Christus) wollte, dass die Gestalt der Kirche, deren Bräutigam er ist, im Glanz der Keuschheit strahle…. Diejenigen, die im Fleische sind (Anm.: die Eheleute) können Gott nicht gefallen.
  • So schreibt auch Hieronymus (347 – 420 n. Chr.) in seiner diskriminierenden Weise gegen die Bischöfe, die die Priesterehe duldeten:
    „Schließlich unterscheiden wir uns in nichts mehr von den Schweinen“.  [4]

Diese kleine Auswahl aus der großen Reihe der Kirchenväter und Kirchenlehrer möge genügen. Sie zeigen, welche geistige Richtung sie eingeschlagen haben.

Zölibatsgesetzgebung:

  • Papst Kalixt I. (227 – 222):  Er ignorierte die Meinung der Streiter für den Zölibat. Er weigerte sich, verheiratete Geistliche zu verdammen.
  • Mit der Synode von Elvira in Spanien um 300 n. Chr. begann die offizielle Diskriminierung der Priesterehe. Diese Synode hat zwar die Priesterehe nicht verboten, aber sie hat verboten, dass die Priester mit ihren Ehefrauen Verkehr haben.
    Im Canon 33 bestimmte die Synode „dass den Bischöfen (auch diese waren ja verheiratet), Priestern und Diakonen, sowie allen Klerikern, die den Altardienst versehen, zu befehlen sei, sich des ehelichen Verkehrs mit ihren Ehefrauen zu enthalten und keine Kinder zu zeugen“.
    Damit war der erste offizielle Schritt in einer langen Geschichte der Unterdrückung von Ehe und Sexualität getan.
  • Konzil von Nizäa (325): Die Entscheidung zur Ehe oder zum Zölibat soll dem Einzelnen selbst überlassen bleiben.
  • Synode von Orange (441): Forderte von den Geistlichen vor ihrer Weihe das Versprechen der fortwährenden Keuschheit.
  • Papst Leo I. (445): Er empfahl seinen verheirateten Priestern die „Josephsehe“. Heiraten ja, aber ohne sexuelle Kontakte.

Erst das Jahr 1139 bringt endgültig das Zölibatsgesetz

Papst Innozenz II., ein fanatischer Verfechter des Pflichtzölibats, hat 1130 auf der Synode von Clermont folgendes festgestellt:

„Da die Priester Tempel Gottes, Gefäße des Herrn und Heiligtümer des Heiligen Geistes sein sollen … verstößt es gegen ihre Würde, dass sie in Ehebetten liegen und in Unreinheit leben“ (Mansi, Sacr. conc. collecio 21, 438).

Nach diesem Muster hat er dann am 2. Laterankonzil 1139 unter dem Vorsitz von Innozenz II. die Priesterehe für ungültig erklären lassen (Canon 7 der Erklärungen des 2. Laterankonzils. Bei Denzinger oder auch Neuner-Roos), „damit sich die gottwohlgefällige Reinheit sich unter den kirchlichen Personen und Weihegraden ausbreite“ (Conciliorum oecumenicorum Decreta, ed. J. Albergio, P. P. Joannnou, C. Leonardi et P. Prodi, Bologna 1973, 198).

Nachzulesen bei: Uta Ranke – Heinemann, „Eunuchen für das Himmelreich“, Hoffmann und Campe, Hamburg 1988, 116, und Heinz-Jürgen Vogels, „Priester dürfen heiraten“, Köllen Verlag Bonn, 1992, 46 u. a.

Das ist reine gnostische Diktion. Mit fast gleichen Worten hat auch Benedikt XVI. den Pflichtzölibat begründet.

Die Ehe ist damit zum wiederholten Male als unrein erklärt worden. So schreibt z. B. schon Hieronymus in seiner Schrift gegen Vigilantius (ein Bischof, der die Priesterehe erlaubte): „Schließlich unterscheiden wir uns durch nichts mehr von den Schweinen“ (Kap. 2). Er ist nur einer von einer Unzahl von Kirchenvätern und Theologen, die Sexualität und Ehe für Minderwertig erklärten. Das ist gnostisches Gedankengut in Reinkultur.

[1] Die Manichäer sind eine gnostische Sekte. Ihr Gründer Mani, ein Perser, (216 – 277) wieder ist vom Buddhismus beeinflusst.
[2] Uta Ranke-Heinemann, Eunuchen für das Himmelreich, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1988, Seite 57.
[3] Mitteilungsblatt, Jg. 18, Nr. 3, Seite 26.
[4] Ebd. Seite 109, Schreiben gegen Vigilantius.
[5] Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, 8. Auflage, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 1971.

14 Gedanken zu „Entstehung des Zölibatsgesetzes

  1. Der Zölibat ist schlicht Aberglaube. Was für ein Gott soll das sein der angeblich möchte dass Menschen sich einen absolut wesentlichen Aspekt des Mensch-Seins versagen? Danke! für die fundierte und gründliche Darstellung der Hintergründe!

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    • Dass ist nicht die Lehre der Heiligen Schrift, sondern sind archaische Ansichten aus dem Heidentum. Was Gott geschaffen hat ist gut und nie böse. Nur Menschen können das Gute, das Gott gegeben hat, missbrauchen. Aus dem Missbrauch entsteht Böses.
      Hans Chocholka

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      • ich kònnte ein Priester gut sein,bin seid 2003 alleine und ohne an Sexualität gebunden.
        lebe quasi wie im Zölibat.Das ,mit erst gerade 50 Jahren.Und?wo liegt das Problem?nirgendwo !
        es ist alles NUR eine Kopfsache …

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    • Sehr geehrte Frau Specht. Ich weiß nicht, woher sie ihre Sicht haben. Für mich ist es entscheidend, was Gott durch die Heilige Schrift uns geoffenbart hat. Jesus selbst warnt davor, eine Ehelosigkeit zu wählen, ohne dafür von Gott ein eigenes Charisma bekommen zu haben. Ein Pflichtzölibat ist nirgends in der Heiligen Schrift zu finden. So haben die Priester bis zu Jahr 1139 geheiratet. Erst das 2. Laterankonzil (1139) hat den Priestern verboten zu heiraten. Aber mit welchem Recht. Niemand hat das Recht einem anderen die Ehe zu verbieten, auch Rom nicht. Abgesehen davon ist die Ehe ein Menschenrecht und ein Naturrecht, und ein Naturrecht ist göttliches Recht. Abgesehen davon: Wie stellen sie es sich vor ein Zölibats-Probejahr vor?

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      • Ja lieber Hans,
        sie reden mir aus der Seele. Verrat an Gott kann das niemals sein,was Menschen etwa 1100 beschlossen haben

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        • Das Zölibatsgesetz hat wirklich nichts mit dem Willen Gottes zu tun, sondern ist Kirchenpolitik gegen Gott. Unsere kirchlichen Obrigkeiten halten sich in dieser Frage selbst für Gott gleich.
          Hans Chocholka

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  4. Conrad, geschrieben am 15.09.2010, 17:57

    Zum Zölibat
    Denken wir an das Mittelalter, als Kleriker z.T. beachtlichen Besitz hatten.
    Sollte das an die ehelichen Kinder fallen?
    Da kam das Zölibat wie gerufen und so fiel das Erbe an die alleinseligmachende Institution. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich das Zölibat hartnäckig hält. Geld regiert eben nicht nur die „weltliche“ Welt, sondern auch die geistliche Welt.

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  5. Stark, geschrieben am 13.04.2010, 19:35

    Wer denkt an die unehelichen Kinder, die durch das Zölibat entstanden sind und teilweise im Mittelalter ermordet wurden. Jesus Christus war laut Evange-lium des vollkommenenen Lebens verhei-ratet. Im Neuen Testament steht der Bischof sollte eine Frau haben. Viele
    der ersten Apostel hatten Frauen. Auch heute sind die Apostel verheiratet.
    Apostel ist das höchste Amt das Gott gab steht in der heiligen Schrift.

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  6. Bruno Watzka, geschrieben am 05.03.2010, 18:29

    ohne die lust an der sexualität würden alle lebewesen aussterben

    die lust an der sexualität ist, aus gutem grund, von Gott. ohne diese lust würden tiere und menschen aussterben!
    wer würde sich ohne lust einem geschlechtsakt hingeben?
    im übrigen war der erste auftrag an die menschen, sich zu vermehren und das geht eben ohne geschlechtsakt nicht (gen 1,27)
    es erscheint mir sehr egoistisch, andere am fortbestand der menscheit wirken zu lassen und sich von den ach so sündigen liebesspielen zu absentieren.
    wenn alle ehelos blieben, wie paulus es vorschlägt, sehe es schlecht für die schöpfung aus.
    der zölibat wiederspricht also Gottes auftrag.

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    • Rosi Schön, geschrieben am 27.03.2010, 02:12

      Stimmt! Wir Menschen sind bisexuell als Mann und Frau erschaffen..Geschlechtlichkeit als sündhaft zu bezeichnen, widerspricht durchaus dem Auftrag Gottes:1,27.., wäre aber eine Regulanz zur Reduzierung des sprunghaften Anstieges der Erdbevölkerung…der Fortbestand des Zölibates aber nur „unerheblich“. Meine Meinung zum Zölibat – deshalb -: absolut überholt….sinnvolle sexuelle Aufklärung für alle Menschen… Ausbau des sozialen Netzes..( viele Kinder sichern das Alter!???? ), Nachdenken über den Fakt: 1 Laib Brot sättigt eine 4köpfige Familie… aber eine 14köpfige bestimmt nicht!!

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