Rezente Gründe, um den Pflichtzölibat zu rechtfertigen

Wenn die Hierarchie auch heute nicht mehr wie früher mit der Verteufelung von Ehe und Sexualität den Pflichtzölibat zu rechtfertigen versucht, wenigstens nicht vordergründig (heimlich ist diese Einstellung bei vielen noch gegenwärtig), so werden heute diffizilere und scheinbar treffendere Gründe vorgebracht, die einen Pflichtzölibat als notwendig erscheinen lassen.

 

Hier einige Beispiele:

  • Man sagt, dass das Wort von der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen aller Wahrscheinlichkeit nach ein Wort ist, mit dem Jesus sich und seine ungewöhnliche Lebensform verteidigt. Die Ehelosigkeit wird im Christentum von Anfang an als eine wertvolle Lebensform und als ein Ideal angesehen, die am Mensch gewordenen Sohn Gottes „Maß nimmt“. Weil das Wesentliche des Priestertums nicht in sich selbst liegt, sondern in seinem sakramentalen, das heißt zeichenhaften und wirkmächtigen Verweis auf Christus, ist das Leben nach den Evangelischen Räten in der Gestalt der Ehelosigkeit eine Möglichkeit, die Hingabe an Christus deutlich zur Sprache zu bringen.
  • Man spricht von der Radikalität des Evangeliums, das besonders in den so genannten „Evangelischen Räten“ [1], und da besonders im Zölibatsgesetz, sichtbar wird.
  • Man argumentiert auch, dass der Zölibat ein Charisma ist. Und diesem Charisma muss man doch den Schutz des Gesetzes durch einen verpflichtenden Zölibat für alle Priester angedeihen lassen.

Dagegen ist zu halten:

  • Niemand bezweifelt, dass der Zölibat eine wertvolle Lebensform ist, und wer dieses Charisma hat, soll es auch leben. Doch ist damit noch nicht die Frage nach einem verpflichteten Zölibat für alle Priester beantwortet. Diese Pflicht lässt sich aus der Heiligen Schrift nicht nachweisen, wie auch Prof. Körner zugibt. Es kommt immer nur auf die Art der Berufung an und Gott beruft auch solche, die nicht das Charisma der Ehelosigkeit haben.
  • Was heißt, am Mensch gewordenen Sohn Gottes „Maß“ nehmen? Nimmt nur der an Christus „Maß“, der zölibatär lebt? Ist es nicht viel wesentlicher, im Geist Jesu zu leben, bzw. „Christus anziehen“, wie es Paulus ausdrückt? [2] Das aber geht alle Christen an. Darum kann dieses Argument keinen verpflichtenden Zölibat begründen.
  • Das Wort von der „Hingabe an Christus“: Da schwingt hintergründig der alte Gedanke mit, dass nur der Zölibat die Lebensform ist, die die „Ganzhingabe“ an Christus möglich macht. Das aber ist in sich nicht stichhaltig.
  1. Erstens kann auch ein verheirateter Mensch sich ganz Christus hingeben. Ja, das ist ein Gebot Christi für alle seine Jünger, ganz gleich ob verheiratet oder nicht, Gott aus ganzem Herzen zu lieben.
  2. Zweitens zeigt auch die Wirklichkeit, dass viele zölibatäre Menschen sich Christus oft viel weniger hingeben als Verheiratete. Hingabe an Christus ist ein geistig/geistlicher Vorgang und hat nichts mit dem Zölibat als solchem zu tun. Gerade diese Meinung, dass nur der zölibatäre Mensch fähig sei, sich Christus ganz hinzugeben, zeigt, dass die alte gnostische Irrlehre noch immer nicht ausgestorben ist.
  • Die Radikalität des Evangeliums geht alle Christen an, nicht nur die Priester, so als wären nur die Priester die radikalen Nachfolger Christi. Dahinter steht der mittelalterliche Gedanke, dass die Priester in der sogenannten „vollkommenen Nachfolge“ leben, die Laien damit in der „unvollkommenen Nachfolge“. Das aber ist theologisch nicht nachvollziehbar.
  • Die „Evangelischen Räte“ bezieht Jesus nicht auf das Priestertum, sondern sind Ratschläge für die, die es „fassen können“ [3], ganz gleich ob sie Priester sind oder nicht.
  • Schutz des Charismas durch die Institution Kirche ist sicher gut, er darf aber nicht ein Zwang sein für die, die dieses Charisma nicht haben. Im Gegenteil, der Zwang schadet dem Charisma.
Befürworter des Pflichtzölibates Befürworter der freien Wahl der Lebensform
Das Junktim von Priesteramt und Zölibat müsse deswegen beibehalten werden, weil sonst viele Priester diese Lebensform nicht mehr übernehmen würden. Nur die sollen die zölibatäre Lebensform leben, die von Gott auch das Charisma der Ehelosigkeit bekommen haben. Ein Charisma kann man nicht durch Gesetze erzwingen.
Die Befürworter des Pflichtzölibats urgierten als Ausweg aus der Zölibatskrise eine psychotherapeutische Behandlung für die Priester, die mit dem Zölibat Schwierigkeiten haben. Damit ist aber das Grundproblem, dass eben nicht alle von Gott berufenen Priester das Charisma der Ehelosigkeit bekommen haben, nicht gelöst. Dabei geht es vordergründig doch nicht um  sexuelle Probleme, wie oft gemeint wird, sondern um Beziehung und Liebe, die natürlich die Sexualität mit einschließen. Therapieren kann man vielleicht sexuelles Fehlverhalten aber nicht die Sehnsucht des Menschen nach Liebe.
Es müsse noch viel und lange über die Zölibatsfrage diskutiert werden Es ist genug geredet worden. Die Zeit für eine Änderung des Zölibatsgesetzes ist überreif.
Der Priester müsse ein „alter Christus“ (ein andrer Christus) sein. Weil aber Christus ehelos war, müsse es auch der Priester sein. Nicht nur der Priester, sondern jeder Christ muss ein „anderer Christus“ sein, oder wie es Paulus ausdrückt, er muss Christus (als Gewand) anziehen. [4]Das hat aber nichts mit der Ehelosigkeit Christi zu tun. Christus „anziehen“ heißt, seine Gesinnung anzunehmen, aus seinem Geist heraus leben.
In der hl. Messe steht der Priester an der Stelle Christi, darum müsse der Priester Christus auch in seiner Ehelosigkeit nachfolgen. Diese Auffassung ist in keiner Weise schlüssig. Erstens hätten dann die Priester immer ehelos leben müssen und nicht erst per Gesetz vom Jahre 1139, und dann wäre das auch kein einfaches Kirchengesetz, sondern Dogma.Zweitens hätte Christus selbst  seinerzeit nur Unverheiratete berufen dürfen. Er hat aber hauptsächlich verheiratete Männer als Apostel berufen. Drittens gilt hier das Gleiche wie oben: An der Stelle Christi stehen hat nichts mit seiner Ehelosigkeit zu tun, sondern mit seiner Gesinnung. Ausschlaggebend ist immer die Liebe. Man darf doch Christus nicht auf seine Sexualität reduzieren.
„Die Ehelosigkeit ist auf das Reich Gottes hin ausgerichtet. Darum müssen auch die Jünger Christi, die er in den besonderen Dienst des Reiches Gottes stellt, ehelos sein“. [5] Dieser Anschauung liegt eine Reich-Gottes-Vorstellung zugrunde, die sich allein auf das jenseitige und vollendete Reich Gottes beruft, wo die Menschen nach den Worten Jesu nicht mehr heiraten. [6] Dieses Zeichen sollen die setzen, die von Gott dieses Charisma bekommen haben. Von den meisten Berufenen verlangt Gott dieses Zeichen nicht, denn das Reich Gottes ist nicht nur eine jenseitige Größe, sondern „das Reich Gottes ist jetzt schon zu euch gekommen“, wie Jesus sagt. [7] Und in diesem Reich Gottes gibt es auch die Ehe als eschatologisches Zeichen.
„Der Unverheiratete muss besorgt sein um die Sache des Herrn“. [8] Der verheiratete Priester ist genauso um die Sache des Herrn besorgt. Außerdem sollte das jeder Christ sein.
„Wer dem Kyrios (d. h. dem Herrn) gehört, gehört ihm ganz. Wer ihm ganz gehört, kann nicht einem anderen gehören.“ [9] Dem Kyrios angehören kann doch nicht heißen, einen Menschen nicht lieben zu dürfen. Die Liebe zu Gott schießt die Liebe zu einem Menschen nicht aus. Ich höre manchmal, dass ein verheirateter Priester ein „gespaltenes Herz“ haben müsse, dass der Priester sich zwischen Gott und der Liebe zu einem Menschen entscheiden müsse. Das ist unrichtig. Entscheiden kann man sich zwischen Gut und Böse, zwischen guten Werken und Werken der Sünde, aber nicht zwischen der Gottesliebe und er Liebe zu einem Menschen. Nicht nur der Priester gehört dem Kyrios ganz, sondern jeder Christ und jede Christin. Gott und den Nächsten aus ganzem Herzen zu lieben ist eine Lebensaufgabe für alle Menschen. Die Liebe zu einem Menschen steht der Gottesliebe nicht im Wege. Für den verheirateten Priester ist die Liebe zu einem Menschen der Weg zur Gottesliebe. Die Qualität eines Priesters hängt nicht von seinem Familienstand ab.
Papst Johannes Paul II. sagt in einem Schreiben an alle Priester der Kirche zum Gründonnerstag 1979: „Jene, die eine ‚Laisierung’ des priesterlichen Lebens fordern und deren verschiedene Ausdrucksformen begrüßen, werden uns ganz gewiss im Stich lassen, wenn wir der Versuchung unterliegen. Wir würden dann aufhören, gefragt und populär zu sein“. [10] Erstens ist das eine willkürliche und unbewiesene Behauptung, und zweitens würde damit der Zölibat zu einer Fiktion, wenn er nur den Sinn hätte, „gefragt und populär zu sein“. So führt sich das Zölibats–Credo der Kirchenleitung selbst ad absurdum.

[1] Die sogenannten Evangelischen Räte sind Ratschläge, die Jesus ganz bestimmten Menschen gegeben hat, nämlich: Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit.
[2] Röm 13, 14.
[3] Vgl. Mt 19, 10 – 12.
[4] Gal 3, 27.
[5] Gisbert Greshake, Priester sein, Herder, Freiburg-Basel-Wien, 1982, Seite 127.
[6] Mt 22, 30
[7] Mt 12, 28.
[8] 1 Kor 7, 32.
[9] Gisbert Greshake, Priester sein, Seite 128
[10] In einer Übersetzung des Sekretariates der Deutschen Bischofskonferenz.

9 Gedanken zu „Rezente Gründe, um den Pflichtzölibat zu rechtfertigen

  1. In Diskussionen mit Bischöfen, in denen auch über das Recht der kirchlichen Obrigkeit, den Pflichtzölibat zu verlangen, diskutiert wird, hört man von ihnen, dass sie durch ihre Amtsbefugnis dazu berechtig sind. Doch diese Amtsbefugnis ist zu hinterfragen: Wo fängt sie an und wo hört sie auf. Darf die kirchliche Obrigkeit auch gegen die Menschenrechte, gegen das Naturrecht oder gegen die Heilige Schrift versoßen? Hier gibt es also Grenzen, die auch die Amtskirche nicht überschreiten darf. Sie tut es abedr trotzdem.

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  2. Ich habe vor 40 Jahren vom evangelischen zum katholischen Glauben konvertiert (ein Jahr Unterricht genommen). Inzwischen habe ich die katholische Kirche oder vielmehr viele Menschen, die in der Kirche mitarbeiten oder Ordensleute schätzen und lieben gelernt.
    Die katholische Kriche betont immer, dass Gott bei den Menschen keinen Unterschied macht. Er hat Mann und Frau nach seinem Bild erschaffen. Da ist es doch unbegreiflich, ja unglaubwürdig wenn die katholische Kirche einen Unterschied macht. Gesellschaftlich sind die Männer nun soweit, dass sie weitgehend eine Gleichstellung der Frau akzeptieren. Doch anstatt vorbildlich voranzuschreiten, verweigert die „Männer“-Kirche den Frauen immer noch die Gleichstellung, d.h. gleiche Chancen, gleiches Mitsprache und Mitarbeitsrecht. Dies enttäuscht und ärgert mich immer wieder.

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  3. Vielen Dank für diese gute Argumentensammlung.
    Ich bin gerade dabei, meine Facharbeit in Religion zum Thema „Zölibat“ zu schreiben, und da kommt mir ihre Auflistung unheimlich zu Gute.

    Ich möchte noch erwähnen, dass ich selbst gerne Priester werden würde, wenn es den Zölibat nicht gäbe.
    Und ich bin mir sicher, dass sich viele weitere Jugendliche aufgrund des Zölibates gegen diese laufbahn entscheiden, obwohl sie vllt. gute Priester abgeben würden.

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    • Freue mich, dass sie mit dieser Auflistung etwas anfangen können. Hier konnte ich natürlich nur kurz argumentieren. Wenn ich mein neues Buch zum Thema Zölibat fertig haben werde, wir die Argumentation noch viel umfassender ausfallen

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  4. Ich bin froh, dass ich durch meinen Internetanschluss Zugang zu diesen wertvollen Informationen habe. Einiges habe ich bereits gelesen und danke für die guten Argumente!

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  5. franz, geschrieben am 17.05.2010, 08:39

    Jede Berufung ruht auf Charismen auf, und diese verteilt der Geist Gottes, wie es ihm gefällt. Wer hält sich da vor – um es mit den Worten Bernhard Härings zu sagen – „dem Geist der Freiheit die Kanäle und Bidingungen zu diktieren, wie er zu wirken hat“, nämlich nur in unehelichen Männern? Von daher ist es verstándlich, dass in dem frühen Christentum die Gemeinde es war, die soche Charismátiker entdeckte, förderte und wählte.

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  6. Brigitte, geschrieben am 03.04.2010, 01:54

    Mein Brief an den Papst u. an Bischöfe
    Habe gestern nach wochenlangen Zeitungsrecherchen, Gesprächen u. Nachdenkzeiten einen Brief an den Papst und an einige Bischöfe verfasst. Auslöser war die Suspendierung von Pfr. Sell in Hammelburg. Für mich unfassbar! Ihre Artikel treffen genau meine Meinung und bestätigen viele selbst gewonnene Erkenntnisse. Danke!

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  7. Michael, geschrieben am 04.04.2009, 01:56

    Zölibat
    In der Heiligen Schrift gibt es die Erzählung von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus (Mt 8,14; Mk 1,29-31; Lk 4,38f)

    Wenn Petrus eine Schwiegermutter hatte, dann doch wohl zwangsläufig auch eine Ehefrau. oder verstehe ich da etwas falsch?

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